Analysekriterien

DIE LEBENSGESCHICHTEN: RICHTLINIEN FÜR AUSWERTUNG UND VERSTÄNDNIS

Wir verstehen diese Lebensgeschichten als ein Instrument, das sowohl in seiner Zusammenstellung als auch in seiner Analyse diverse bedeutende Aspekte zum Verständnis einer bestimmten Wirklichkeit mobilisiert.

Nachdem die diversen Lebensgeschichten über einen bestimmten Aspekt erstellt und gesammelt wurden, stellt die darauffolgende Auswertung eine wesentliche Phase für das Verständnis des Themas der Studie dar.

Zur Anleitung dieser Auswertung ist die Aufstellung gewisser Richtlinien oder Fragen angebracht. Damit wird ein systematischer Vergleich möglich, mit dem Gemeinsamkeiten und Eigenheiten der verschiedenen Erzählungen sowie die Einwirkung verschiedener Forscher auf deren Interpretation deutlich werden. Damit gewinnt der Prozess an akademischem Gewicht.

Diese Studie geht nicht von vorgefertigten Hypothesen aus; daher geht es nicht darum, Hypothesen zu verifizieren oder zu bestätigen, sondern darum, eine plausible Interpretation zu finden.

Es geht auch nicht um die Aufstellung von Verallgemeinerungen, sondern um die Beobachtung einiger Wesenszüge, die aufgrund ihrer Wiederholung oder Einmaligkeit zu Schlüsselaspekten für das Verständnis werden.

Die Analyse der Geschichten ist qualitativ und erzählerisch. Darin folgen mehrere Lesungen und diverse Beschreibungs- und Interpretationsebenen, deren Analyserahmen sich an die Beiträge von Kerbrat-Orecchioni (2005) im Bereich Diskursanalyse sowie Pavlenko (2007) im Bereich der autobiographischen Erzählungen anlehnt.

Wir versuchen, das Einzigartige auszuleuchten - das, was dem Autor Sinn macht - und dieses in einen breiteren Kontext - den der Forschung und der Gesamtheit unserer Daten - zu versetzen, um so ein neues Verständnis zu erzielen.

Bei dieser Auswertung stützen wir uns auf diverse Punkte:

DIE TEXTSTRUKTUR Wir beobachten und notieren die Anordnung und Struktur des Textes anhand folgender Fragen:

Welche Darstellungsweise oder -weisen hat der Autor für seine Lebensgeschichte gewählt (Texte, Bilder, Symbole etc.)?

Hat die Geschichte einen Titel?

Welche Erzählform überwiegt im Text? Ist er überwiegend erzählerisch, beschreibend? Gehören auch argumentative Passagen dazu?

Wie ist der Text in Absätze gegliedert? Verfügt er über Einleitung und Schlusswort?

Enthält er Elemente wie Großschrift, Anführungszeichen, Fett- und Kursivschrift und andere?

In welcher Sprache ist er geschrieben? In einer oder mehreren? Sind Schriftsatzwechsel zu beobachten?

THEMATISCHE DIMENSIONEN Bei den ersten Lesungen untersuchen wir die Auswahl der thematischen Dimensionen durch den Autor der Geschichte.

Welche thematischen Dimensionen erscheinen im Text?  Raum, Zeit und die Personen, mit denen das Sprachenrepertoire mobilisiert wird, stellen meist die Kerndimensionen der sprachlichen Lebensgeschichten dar.

Welche besondere Bedeutung misst der Erzähler jeder dieser Dimensionen bei?

Welche wesentlichen Kernthemen und welche Wortkonstellationen werden um diese herum kreiert?

DIE AUSSAGEN

Gleichfalls untersuchen wir, wie der Autor seine Erfahrungen erzählt; dazu beobachten wir Elemente wie folgende:

  • Verwendung von Personalpronomen oder unpersönlichen Strukturen, die die Stellung des Subjekts zum Erzählten zeigen (persönliche oder unpersönliche Rede);
  • Verwendung der Verbzeiten;
  • Verwendung und Art von Verbindungsworten, deiktischen oder anaphorischen Zeitmarkern, Zeitsequenzworten (vorher, jetzt etc.), die Entwicklungen und Änderungen im Leben der Subjekte anzeigen;
  • Verwendung von Modalformen (sollte; könnte sein, dass etc.), die den Sachcharakter der Erzählung abschwächen.